"Burma Sahib" von Paul Theroux
Wer weiß schon, dass der große George Orwell (ein Pseudonym, unter dem er weltweit berühmt wurde) einst ein kleiner britischer Eric Blair war, kurz nach dem ersten Weltkrieg gerade mit der Schule (Eton College) fertig. Und dass Blair/Orwell dann gleich eine so erstaunliche wie unerklärliche Entscheidung traf, die dann wohl seine spätere Haltung zum Empire, zu Autokratie, Menschheitsverbrechen, Oligarchismus und Imperialismus in die Wege geleitet hat.
Eric Blair geht nach Burma (Myanmar), lässt sich bei der britischen Kolonialpolizei ausbilden, und arbeitet dann einige Jahre im Land. Mit seinen „Sahib“-Kollegen und -Vorgesetzten der Polizei ist Blair fortwährend im Hader, seinen Job macht er mehr schlecht als recht. Er wendet sich innerlich vom Empire, dessen Arroganz und Grausamkeit ab, konzentriert sich stattdessen auf das neue Land Burma/Myanmar, dessen Kultur und Menschen, die vermeintliche Exotik (aus der Sicht eines unbedarften Briten). Die ganze Sache ist eine höchst abenteuerliche Lernerfahrung für Blair/Orwell, aber auch eine große Enttäuschung, die Leserschaft fiebert bei dieser Berg- und Talfahrt des Lebens förmlich mit.
Der routinierte US-Autor Paul Theroux hat aus den frühen Jahren George Orwells einen beeindruckend schillernden historischen Roman gemacht, der eine mehr oder weniger echte Geschichte über die Formung eines Jungerwachsenen im so fremden wie faszinierenden Kolonial-Burma erzählt, der später mit „1984“ oder auch „Farm der Tiere“ die einflussreichsten dystopischen Gesellschafts- und Politromane des 20. Jahrhunderts schreiben sollte sowie messerscharfe Essays und Kolumnen. Ganz großartig.
Sebastian Lehmann