„Der Betrachter“ von Judith Fanto

Hermann (Manno) ist „Der Betrachter“ im gleichnamigen Roman der niederländischen Autorin Judith Fanto. Das Buch beginnt 1948 in Haarlem, wo Manno als angesehener Restaurator tätig ist. Er erhält einen Brief und taucht darüber in Jugenderinnerungen und die Geschichte seiner Freundschaft mit Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte ein. Nach dem Tod der Mutter und der Großmutter war Manno zur Tante Edmonda 1916 von Haarlem nach Wien gekommen. Von Vertrauen und Liebe keine Spur. Die neuen Wiener Freunde hingegen geben ihm Kraft, er erlebt glückliche Tage.

Über Jahrzehnte hinweg begleitet das Buch nun Manno und die fünf anderen. Politische Verhältnisse wirken ein, die Bindungen ändern sich, die Freundschaft aller steht auf dem Prüfstand. Sicher auch, da die Freunde so unterschiedlich sind, hinsichtlich Herkunft, Religon, sexueller Orientierung und politischer Ansichten etwa, in einem Wien zwischen dem Ende der Monarchie, wachsendem Antisemitismus und aufkommendem Nationalsozialismus.

Gemäß seiner Rolle als Restaurator versucht Manno zu bewahren und festzuhalten, was vermutlich bereits verloren ist. Wie belastbar ist Freundschaft? Inwieweit sollte jede(r) Stellung beziehen, ist es erlaubt, unbeteiligt zu bleiben? Das alles ist in einem ruhigen, einfühlsamen und berührenden Erzählton aufgeschrieben. Nachwirkung garantiert!

Von Christine Berenbeck


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