"Casino" von Cihan Acar

Cihan Acar wurde geboren und lebt bei Heilbronn, neuerlich immer mal wieder in Volksmund und Medien „Heilbronx“ genannt. Vor Jahren machte Acar schon mit seinem Debütroman „Hawaii“ auf sich aufmerksam, über den genau so genannten sozialen Brennpunkt der Stadt. Der neue Acar, „Casino“, spielt im fiktiven Steinheim, dass allerdings in etwa der Lage und Größe Heilbronns entspricht. 
Cumali Karagöz ist eine große Nummer in der deutsch-türkischen Community seiner Stadt. Er ist ein echter man in full, mit Spielhallen reich geworden, mit der Bürgermeisterin befreundet, die immerhin einen Doktortitel führt. Die anderen sind nichts Besseres, so schon lange sein Lebensmotto und seine Motivation zur Stärke. Respekt geht ihm über alles. Cumalis neues Großprojekt, ein schillerndes Riesen-Casino, wird sogar der Ministerpräsident ein architektonisches Meisterwerk nennen. 
Seiner Familie - Frau Hannah, Tochter Zaha und Sohn Ediz - ist Cumali einerseits ein klassischer Patriarch, aber auch ein liebevoller Familienvater, der den  Seinen viel Freiraum lässt. Gleichzeitig lehnen seit Jahrzehnten viele alteingesessene Steinheimer den Spielhöllen-Krösus und seine Geschäfte ab. Wie eine Gewitterwolke hängt zudem schon lange der öffentliche Verdacht, Cumali habe einst einen Rachemord begangen, über den Karagöz‘. Auch ins Herkunftsdorf der Familie in der Türkei hat sich die Sache schon rumgesprochen, viel Ablehnung auch hier. Wo bleibt da der Respekt?
Cihan Acar hat nicht nur einen spannenden, klugen Provinz-Gesellschafts- und Familienroman mit differenzierten Charakteren und viel Mafiacharme in so wohltuend einfacher wie präzise klarer Sprache aufgeschrieben. Er liefert auch einmal mehr den Beweis, dass Migration und Postmigration sehr viele relevante neue Geschichten in die Mitte Europas gebracht haben. 
Literarisch ist Deutschland schon lange ein Einwanderungsland. Und das ist auch gut so.
Sebastian Lehmann


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