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ISBN/EAN: 978-3-0369-5188-1
Einband: gebundenes Buch
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Originaltitel:
Narcis
Übersetzer:
Christiane Burkhardt
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
464 S.
Format (T/L/B):
2.8 x 19 x 12.6 cm

Hersteller:
Kein & Aber AG
Kein & Aber Verlag, Württembergallee 12, D-14052 Berlin
berlin@keinundaber.de
Bäckerstrasse 52
CH 8004 Zürich


Importeur:
Kein & Aber Verlag
berlin@keinundaber.de
Württembergallee 12
DE 14052 Berlin

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Der Betrachter

Roman

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Unser Tipp für Sie

Hermann (Manno) ist „Der Betrachter“ im gleichnamigen Roman der niederländischen Autorin Judith Fanto. Das Buch beginnt 1948 in Haarlem, wo Manno als angesehener Restaurator tätig ist. Er erhält einen Brief und taucht darüber in Jugenderinnerungen und die Geschichte seiner Freundschaft mit Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte ein. Nach dem Tod der Mutter und der Großmutter war Manno zur Tante Edmonda 1916 von Haarlem nach Wien gekommen. Von Vertrauen und Liebe keine Spur. Die neuen Wiener Freunde hingegen geben ihm Kraft, er erlebt glückliche Tage.

Über Jahrzehnte hinweg begleitet das Buch nun Manno und die fünf anderen. Politische Verhältnisse wirken ein, die Bindungen ändern sich, die Freundschaft aller steht auf dem Prüfstand. Sicher auch, da die Freunde so unterschiedlich sind, hinsichtlich Herkunft, Religon, sexueller Orientierung und politischer Ansichten etwa, in einem Wien zwischen dem Ende der Monarchie, wachsendem Antisemitismus und aufkommendem Nationalsozialismus.

Gemäß seiner Rolle als Restaurator versucht Manno zu bewahren und festzuhalten, was vermutlich bereits verloren ist. Wie belastbar ist Freundschaft? Inwieweit sollte jede(r) Stellung beziehen, ist es erlaubt, unbeteiligt zu bleiben? Das alles ist in einem ruhigen, einfühlsamen und berührenden Erzählton aufgeschrieben. Nachwirkung garantiert!

Von Christine Berenbeck

Beschreibung

Es ist ein nasskalter Februartag des Jahres 1948, als der niederländische Kunstrestaurator Hermann, genannt Manno, einen Brief erhält, der ihn unvermittelt zurück in die Vergangenheit wirft: Er ist gerade mal zehn Jahre alt, als seine Mutter 1916 stirbt, sodass Manno seine Heimatstadt Haarlem verlassen und zur Familie seines Vaters nach Wien ziehen muss. In der neuen Stadt fühlt er sich einsam und verloren, bis er in der Sommerschule Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte kennenlernt. Es entsteht eine Freundschaft, die die sechs jeden Sommer vertiefen. Außerhalb Wiens bei den gemeinsamen Ferien in Altaussee scheint es keine Rolle zu spielen, dass Béla schwul ist oder dass Max und Franzi jüdisch sind. Doch im antisemitischen Wien wird ihre Freundschaft zunehmend politisch, und spätestens, als Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in Österreich einmarschiert, tun sich innerhalb der Freundesgruppe Abgründe auf, die unüberwindbar scheinen. Jahre später blickt Manno zurück und legt das Bild ihrer unvergesslichen Freundschaft Schicht um Schicht frei. 

Über Judith Fanto

Judith Fanto, geboren 1969, ist Rechtsanwältin, Rednerin und Autorin. Ihr Debütroman  Viktor (2020), in dem sie von der bewegten Vergangenheit ihrer Wiener Familie erzählt, wurde zum Bestseller. Er wurde mit dem Hebban Preis für das beste Debüt ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Der Betrachter ist Judith Fantos zweiter Roman, erhielt den Silver Rainbow Award und ist in den Niederlanden ein Bestseller. Christiane Burkhardt lebt in München. Sie übersetzt aus dem Niederländischen, Italienischen und Englischen. Neben Judith Fanto und Gitta van Spree übertrug sie unter anderen Paolo Cognetti, Fabio Geda, Wytske Versteeg und Tom Hofland ins Deutsche. Darüber hinaus unterrichtet sie literarisches Übersetzen.

Leseprobe

1 Der Brief erreichte mich an einem Dienstagvormittag des Jahres 1948, die feuchte Februarluft hing still und ungerührt in den Straßen Haarlems. Mevrouw Kleij, die Zimmerwirtin, hatte mir dünnen Morgenkaffee gebracht und war dann einkaufen gegangen. Neben der Tasse lag ein Keks, den meine Großmutter stets Mariakaakje genannt hatte - ein holländisches Stück Pappe, bei dem jeder Wiener nur in höhnisches Gelächter ausbrechen würde. Schon frühmorgens hatte ich so eine dunkle Ahnung. Ich hatte meine Staffelei samt Ausrüstung am Südfenster meines Ateliers platziert und wollte gerade mit der Restaurierung eines späten Jan van Kessel beginnen - das Gemälde von einem Blumenstrauß in einer Vase, dessen Firnis sich zu einem dunklen Bernsteingelb verfärbt hatte. Statt im Schein meiner Lampe arbeite ich in der Anfangsphase eines Auftrags lieber bei grellem Tageslicht im hinteren Teil des Ateliers - so ähnlich wie ein Arzt, der schonungslose Beleuchtung bevorzugt, wenn er seine Diagnose stellt. Nichts macht kleinste Unregelmäßigkeiten, jedes gewollte oder ungewollte Relief und jeden ursprünglichen Pinselstrich fürs menschliche Auge so gut sichtbar wie seitlich einfallendes Sonnenlicht. Von ein paar kleinen Rissen abgesehen, war das Gemälde aus dem 17. Jahrhundert in einem ausgesprochen guten Zustand. Ich schob meinen Stuhl zurück und betrachtete die Komposition aus einer gewissen Entfernung. Wirklich beeindruckend, wie Van Kessel es geschafft hatte, Duft darzustellen. Für die Iris, die Tulpen, die Stockrosen und Mohnblumen des Straußes hatte er Bleiweiß, Smalte und Zinnoberrot verwendet - Farben, die genau wie die Wassertropfen die Frische der Blumen betonten, so als hätte er sie gerade erst gepflückt. Es konnte nicht anders sein, als dass sich die gemalten Schmetterlinge von dem herrlich süßen Aroma angezogen fühlten, das das Bouquet verströmte. In der Mitte des Arrangements befand sich eine einzige weiße Narzisse. Verschämt hatte sie den Kopf abgewandt. Ich wusste, wofür sich die Narzisse schämte. Ich wusste, von wem sie sich abgewandt hatte. Der Kaffee stand noch unangerührt auf dem Kaminsims, als es klingelte. Der Briefträger grüßte freundlich und überreichte mir ein Päckchen von Talens in Apeldoorn, der Fabrik, bei der ich drei Tuben Ölfarbe bestellt hatte. 'Ich habe auch noch einen Brief für Sie, Mijnheer Loch. Aus Österreich!' Er wartete neugierig, doch ich nickte nur und wollte mich gerade umdrehen, als mir das Blut in den Adern erstarrte. Ich hatte nur einen einzigen Blick darauf werfen müssen, um die Schrift zu erkennen. Das Siegel meiner Seele wurde gebrochen - was deutlich zu hören war. Ich bekam weiche Knie, wie aus weiter Ferne fragte der Briefträger besorgt: 'Alles in Ordnung, Mijnheer?' Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was ich darauf sagte, aber im nächsten Moment lehnte ich mit dem Rücken an der geschlossenen Haustür, und mein Herz schlug wie verrückt. Zu Händen des sehr verehrten Herrn Hermann Loch Kokstraat 6 Haarlem HOLLAND Ich kannte nur eine einzige Person, bei der sich die Ober- und Unterlängen der Buchstaben so sehr nach rechts neigten. Ich ließ den Brief auf meinen Arbeitstisch fallen, als würde ich mich daran verbrennen. Dann ging ich zum Wasserhahn und schenkte mir mit zitternden Händen ein Glas ein, aber meine Kehle war wie zugeschnürt, also stellte ich das Glas neben den kalten Kaffee auf den Kaminsims. Während ich im Atelier nervös auf und ab lief, sagte ich zehn Ave-Marias auf sowie sämtliche Strophen von 'Gott erhalte Franz den Kaiser'. Obwohl sowohl Gott als auch der Kaiser tot waren, beruhigte mich das zumindest so weit, dass ich ein wenig Wasser trinken konnte. Bewusst vermied ich es, den Brief zu beachten, spürte aber, wie das Ding Unheil verkündend pulsierte. Eine Stunde später lief ich, das Glas mittlerweile in der Hand, immer noch die vierzehn Schritte von Norden nach Süden quer durch mein Atelier und wieder zurück, stets wieder von vorn. Ohne Erfolg. Der Brief wuchs, wurde größer als der Tisch, wuchs immer mehr, bis er schließlich meinen ganzen Arbeitsplatz einnahm und ich ihn in eine schmale Schublade warf, um seine Macht zu brechen. Das beruhigte meinen Puls einigermaßen. Ich entfachte die Kohlenglut im Ofen und nahm auf meinem Hocker vor dem Jan van Kessel Platz. Was nun? An Arbeiten war nicht zu denken. Ich starrte aus dem Fenster. Neben den Stallgebäuden und Werkstätten in t Krom hob sich der Turm der Bakenesser Kirche weiß vom dunkelgrauen Himmel ab. Mevrouw Kleij klopfte, und ihr Lächeln gefror: 'Mijnheer Loch, wie sehen Sie denn aus! Geht es Ihnen nicht gut?' Ihr Blick eilte zwischen mir und dem Kaffee auf dem Kaminsims hin und her. 'Sie sind ja noch blasser um die Nase als sonst, was kein Wunder ist, wenn Sie weder essen noch trinken, so dürr, wie Sie sind. Kaffee mit Milch und Zucker ist leider nicht mehr zu bekommen, man muss sparsam sein in diesen Zeiten, außerdem sind Sie über vierzig, ansonsten würde ich 15 Sie sofort von der Reformierten Kirche aus ins Kindererholungsheim schicken, wo alle Knaben mindestens vier warme Mahlzeiten am Tag bekommen und ' 'Tut mir leid, ich glaube, ich muss mal kurz an die frische Luft', murmelte ich und stand auf. Ich brauchte körperlichen Abstand zu diesem Brief. Die Spaarne war spiegelglatt, pechschwarz floss das Wasser zwischen den Ufern dahin. Letztes Jahr um diese Zeit zogen die Haarlemer bereits Schlittschuhe an, auf dem gefrorenen Fluss schoben eislaufende Kinder mit wackligen Knöcheln Stühle vor sich her. Ältere Herren, die Hände auf dem Rücken verschränkt, hinterließen Furchen im schwarzen Eis, Paare sausten untergehakt vorbei, und ein Direktor trank mit seinen Arbeitern bei einer Drehorgel heiße Schokolade. Während in Friesland die Elfstädtetour stattfand, brachte das Haarlemer Eis holländische Standesunterschiede zum Schmelzen. Auf dem Hooimarkt sah ich, wie Arbeiter ohne Mantel riesige Fässer in den Rumpf eines Schiffes rollten. Sie dampften, als würden sie in der kalten Luft oxidieren. Die kräftigen, geschmeidigen Kerle erinnerten mich an meinen Freund Béla - so wie mich eigentlich alles immer noch an Béla erinnerte. Erst in der Parklaan wurde mir mit Schrecken klar, dass mich mein Spaziergang ins Bahnhofsviertel führte. Nach meiner Rückkehr 1938 nach Haarlem hatte ich die Gegend gemieden wie die Pest und machte stets einen großen Bogen darum. Anfangs, weil die Erinnerungen an diesen Ort zu schmerzlich waren; später dann im Krieg war es dort gefährlich - immer wieder versuchten englische Piloten, die Eisenbahnwerkstätten hinter dem Bahnhof zu treffen, was meist knapp danebenging, wodurch aber die umliegenden Häuser von den Brisanzbomben in Schutt und Asche gelegt wurden. Auf einmal begriff ich, warum ich mich ausgerechnet jetzt danach sehnte, das Haus meiner Großeltern zu sehen - so wie damals als Kind, wenn ich mir fest in den Arm kniff, um mich vom brennenden Schmerz meines aufgeschlagenen Knies abzulenken: Aus Angst vor den heftigen Gefühlen, die der Brief eventuell in mir hervorrufen würde, entschied ich mich für einen anderen, schwächeren Schmerz, für einen, den ich auf jeden Fall besser ertragen konnte und der mich vielleicht wieder erden würde. Also ging ich weiter, ebenso zielstrebig wie gelassen. Von der Kruisstraat bog ich links in die Korte Herenstraat ein. Die war viel schmaler als in meiner Erinnerung, und auch die Größe des Hauses war offensichtlich von meiner kindlichen Wahrnehmung verzerrt worden. Ich stand vor der waggongrünen Tür der Hausnummer 11, wo ich gemeinsam mit meiner Mutter bei ihren Eltern gewohnt hatte. Die Wohnung wirkte klein und dunkel, angegriffen vom feuchten Meereswind. Die Fensterrahmen waren von Holzfäule befallen, und von der Haustür blätterte die Farbe. Dieser Verfall machte mir zu schaffen, ein verdrängter Schmerz flackerte wieder auf. Der Milchmann h...